Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Frankfurt, Buchmesse, 13. Oktober

Die Buchmesse beginnt in diesem Jahr an einem Montag im Thüringer Wirtschaftsministerium. Unten im Foyer sind in einer Glasvitrine verschiedene Bücher aufgestellt. Da steht Sarah Wagenknecht neben dem Ratgeber Gelassen bleiben und einem mehrere hundert Seiten dicken Bericht über die Kreativwirtschaft in Thüringen. Wegen letzterem bin ich hier. Ich wohne in Thüringen, bin ab und an kreativ und stehe damit prototypisch für einen wichtigen Standortfaktor des Freistaates. Um diesen Standortfaktor hinaus in die Welt zu tragen, wird seit kurzem Öffentlichkeitsarbeit betrieben, die darüber informiert, was Thüringen alles ist – Erbauer der Brooklyn Bridge, Unterstützer von Raumfahrtmissionen, Eva Padberg. Als Teil dieser Kampagne sponsert das Wirtschaftsministerium einen blauen Stand auf der Buchmesse, auf dem sich Verlage präsentieren und zudem gelesen wird.

Und da jeder, der schreibt, auf der Messe hauptsächlich als Ich-AG unterwegs ist, befinde ich mich nun auf einer Pressekonferenz, der den blauen Buchmessestand bekannt machen soll. Vor mir sitzen Journalisten, neben mir der Wirtschaftsminister und im Nacken die Furcht, ich könnte mich vereinnahmen lassen. Weil: Politik heißt immer Vereinnahmung. Da sollte ich besser nicht vollkommen kritiklos auf Tischen tanzen und Journalisten in die Ohren säuseln, dass dieser Stand die beste Sache der Welt ist und zugleich die Welt retten wird und mich bedingungslos hinter jede Aussagen stelle, die das untermauert.

Aber es ist auch schön zu lesen und absolut nicht selbstverständlich, dafür nach Frankfurt eingeladen zu werden. Genau deshalb wäge ich meine Worte sorgsam ab, um ein möglichst differenziertes Bild zu zeichnen, welches weder die eigene Unabhängigkeit noch die Freude verschweigt. Als der Minister die Radiomikrofone zu meinem Platz hebt, spreche ich von den bisherigen Erfahrungen auf Buchmessen, zitiere dabei aus dem Lesetagebuch, welches damit wieder einmal seinen praktischen Nutzen unter Beweis stellt. Danach sind alle Fragen beantwortet, weshalb die Journalisten nur dem Minister noch weitere Fragen stellen.

Drei Tage später findet das auf der Pressekonferenz angekündigte Ereignis statt. Buchmesse, kennt man ja. Bücher, die in Büchern untergehen. Mittwoch bis Freitag ist Fachbesuchertag und damit sind da lauter autarke Autoren-Lektoren-Verlagsmitarbeiter-Buchhändler-undsoweiter-Sonnensysteme, die ständig miteinander kollidieren und explodieren. Aus diesen Explosionen entsteht die Energie, welche den Buchmarkt in der nächsten Zeit gewaltig aufmischen wird. Hier verspricht jeder Gang die Aussicht auf eine glänzende Zukunft. Am Ende jedes Gangs kosten zwei kleine Kugeln Mövenpickeis drei Euro. Jemand stellt das diesjährige China-wird-uns-bald-den-Schneid-abkaufen-Sachbuch vor und es wird gefragt, ob Demokratie wirklich die optimale Ergänzung für die Wirtschaft sei und dass Wachstumsraten von-bis-zu uns nicht längst zu denken geben sollten und was wir lernen können, nein müssen, um im globalen Wettbewerb … Leader … Just-in-Time … flexibel … Schwellen … Gefahr … Gefahr … Apokalypse. Im Publikum wird wissend genickt. Entsprechend geängstigt ist das beliebteste Messeaccessoires ein I Love My Job-Anstecker, der je nach Gesprächspartner ironisch oder strategisch verwendet wird. Besonderen Zulauf findet der Stand, an dem zu jeder vollen Stunde ein Mitglied der Piratenpartei ausgepeitscht wird. Zur halben Stunde fragt ein Diplom-Psychologe in lilafarbenem Hemd „Willst du normal sein oder glücklich?“ und ist mit dieser Frage natürlich goldrichtig an einem Ort wie diesem.

Wem das zu viele Worte sind, der lässt sich einen Gang weiter Rhythmen vorklatschen und klatscht nach Aufforderung mit oder stampft auf. Hunderte Fachbesucher schauen gespannt zu, wie sich Sarah Wiener viele Minuten vor einem küchengroßen Mielelogo von etwa zwanzig Fotografen ablichten lässt und dazu Eier in Objektive hält. Bei Charlotte Roche füllt sich das ARD-Forum nahezu komplett, anschließend bei John von Düffel leert es sich um dreiviertel. Dabei erzählt er von seinen Terroristeneltern, die wie Andreas Baader und Ulrike Meinhof aussahen, was in den 70er Jahren ab und an zu Komplikationen führte.

14:00 Uhr löse ich schließlich am Thüringenstand die Versprechungen von der Pressekonferenz ein. Die Couch ist sahneweiß und konserviert Gesäßabdrücke sekundenlang, oft auch dauerhafter. Manchmal bleiben Menschen länger am Stand stehen, manchmal gehen sie weiter, die üblichen Fluktuationsraten bei Messelesungen eben, die nichts aussagen außer: die Kekse an diesem Stand sind nicht mit Schokolade überzogen, aber ich habe jetzt Appetit auf Schokoladenkekse und suche deshalb nach Ständen mit Schokoladenkeksen und verlasse diesen Stand, an dem gerade gelesen wird. Am Ende meiner dreißig Minuten habe ich dreimal „Assisprech“ in einem Satz gesagt. Vielleicht schaut Julian Nida-Rümelin, der nach mir auf der sahneweißen Couch Platz nehmen wird, aus diesem Grund so vorwurfsvoll.

Zwei Stunden später bei den unabhängigen Verlagen denke ich an Sätze aus diesem Lesetagebuch und dass wenn Fachbesucher Sonnensysteme sind, dann sind die „normalen“ Messebesucher Kometen und das hier gerade eher ein schwarzes Loch und es aus diesem Grund durchaus legitim sein dürfte, anstatt etwas Krawalligem lieber Schwarz vor Augen zu lesen. Danach fühle ich mich wie vierzehn oder vierundachtzig und weiß genau, wovon mein nächster Roman handeln wird: von der Lesung auf der Leseinsel. Dreißig Minuten, die ulysseslike detailiert in kleinstmöglichen Einheiten dokumentiert werden und in jeder Sekunde werde ich das komplette Sein beschreiben und somit ein fünfteiliges Mammutwerk schaffen, gegen das sich Auf der Suche nach der verlorenen Zeit wie eine oberflächliches Nichtigkeit ausnimmt.

Danach greift eine allgemeine Feierabendstimmung um sich. Für die anwesenden Fachbesucher werden an Ständen Schweinskeulen gereicht und Kölsch und mit Prosecco wird auf Island/DDR-Familienromane/Sebastian Fitzek angestoßen. Kurzzeitig gibt es den Ehrgeiz herauszufinden, wann die Sicherheitsleute einen spätestens aus der Halle werfen. Aber bei Ehrgeiz versus brennende Fußsohlen gewinnt diesmal der Fuß.

Gelesen: Heute lernen wir Tschüss zu sagen, Glufke, Hager, Schwarz vor Augen

Artikel (I)
Artikel (II)

Wissenswertes zu: Ausschau halten nach Tigern

Was noch geschah:

Lesereise (15). Leipzig. Ich will.
Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste.
Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.
Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?
Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.
Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.
Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.
Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.
Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.
Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.
Lesereise (5). München. Mein Der Regler.
Lesereise (4). JVA. Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht.
Lesereise (3). Erfurt. Zweimal das Tiger-Spezial.
Lesereise (2). Hamburg. Krass ist ein Wort, das immer geht.
Lesereise (1). Leipzig. Lies doch einfach schneller.

Vielleich auch interessant: Lesungstagebuch „Der Schlaf und das Flüstern.“

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